EINE NACHT IM DORF

By Elea Bank, 2021

Es ist eine stürmische Nacht im Dorf. Der Wind pfeift um die Ecken und raschelt heftig in den Bäumen. Die alten Holzhäuser knacken.

Die Luft in ihrem Zimmer ist schon ganz stickig. Sie reibt sich die Schläfen, rappelt sich auf und öffnet eines der Fenster. Die Scharniere quietschen leise.

Die staubigen Vorhänge wirbeln auf. Eisiger Wind streift ihre rötlich glühenden Wangen. Sie schliesst die Augen und atmet tief ein. Und aus. Und ein. Und aus.
Es ist eine geräuschvolle Nacht im Dorf. In der Ferne schlagen mehrere Kirchenglocken. Der Dorfbach rauscht, gluckst und plätschert wie wild. In den Gebüschen und Sträuchern wüten die Böen.

*Klirr*. Das laute Scheppern unterbricht ihre ruhige Trance und holt sie in ihr schwach beleuchtetes Zimmer zurück. Ruckartig dreht sie sich um. Ihre Augen suchen geschwind den ganzen Raum ab. Nichts. Nein. Alles normal. Nein. Aha!

Der Wind hatte den kleinen, blechernen Blumentopf vom Regal geblasen. Gott sei Dank, dass dieser leer war. Sie schüttelt kurz ihre Arme, die sie gerade eben vor Schreck angespannt hatte. Den Blumentopf hebt sie auf, stellt ihn abernach kurzer Betrachtung wieder auf den Boden zurück. Nicht, dass das gleich nochmal passiert.
Es ist eine pechschwarze Nacht im Dorf. Die dicht verhangenen Wolken verdecken den sonst so klaren Sternenhimmel komplett. Die Strassenlaternen spenden nur wenig verschwommenes, dunkelgelbes Licht.

Die kleine Lampe auf ihrem Schreibtisch hingegen zündet, was das Zeug hält. So sehr auf ihre Arbeit fokussiert hat sie deshalb nicht einmal bemerkt, wie düster es draussen schon ist. An ihrem Arbeitsplatz scheint schliesslich immer die Sonne.

Der Rest des Zimmers aber erscheint ihr nun fast etwas unheimlich. Mit den Armen verschränkt blickt sie sich nochmals kurz um. Ihre bunten Blumentöpfe und saftig wuchernden Pflanzen, die bei Tageslicht ihr Zimmer so gemütlich machen, werfen im Halbdunkeln fast schon bedrohliche, düstere Schatten. Es fröstelt sie unangenehm.
Es ist eine geheimnisvolle Nacht im Dorf. Zwischen dunklen Schleiern drückt hin und wieder schwach der Vollmond hindurch. Die vereinzelten Menschen auf den Gehwegen sind von ihren Schatten nicht zu unterscheiden. Ab und zu dringen Wortfetzen, verzerrte Ausrufe oder scheues Flüstern durch den heulenden Wind.

Die alte Schreibtischlampe ist die einzige Lichtquelle in ihrem Raum. Nervöses Kribbeln breitet sich unter ihrer Haut aus, als die Lampe zu Flackern beginnt. Mit zitternden Fingern dreht sie vergebens am kleinen, rostigen Schräubchen, das bei jeder Berührung ein unheilvolles Quietschen von sich gibt. Und plötzlich wird es stockdunkel um sie herum.

Die Finsternis umgibt sie nun komplett. Ein eiskalter Schauer läuft ihr den Rücken hinunter. Sie krallt sich an ihren Ellbogen fest. Die Fensterscheiben prallen wegen dem starken Wind heftig auf die Aussenwand ein. Immer und immer wieder. Halt. Nein. Moment. Das Geräusch kommt nicht von den Fenstern. Es kommt von der Tür. Da ist etwas. Und es will zu ihr. Ihr Atem wird immer schneller. Ihr Kiefer ist angespannt, die Zähne fest aufeinandergepresst. Das Geräusch, wie ein unheilvolles Klopfen, wird immer lauter und durchdringlicher. Bald ist es bei ihr. Bald ist es hier.

Das metallische Geräusch der Türklinke ertönt. Langsam, beinahe schon zaghaft, öffnet sich die Tür. Sie hält die Luft an. Vom hellen Licht geblendet erkennt sie nicht, mit was sie es zu tun hat.

«Psssst! Bist du noch am Lernen oder schon am Schlafen? Ich hab’ dir extra nochmal neuen Tee gemacht, Kamille mit ein Ist’s okay, wenn ich kurz das grosse Licht anschalte? Ganz schön kalt hier drin, findest du nicht?»

Es ist ihre Mutter. Da sie sich gerade in einer intensiven nächtlichen Lernschicht befindet, hat ihre Mutter ihr extra heissen Tee gemacht und ins Zimmer gebracht. Gekonnt betätigt ihre Mutter den Lichtschalter mit dem Ellbogen, schiebt das Fenster mit der Hüfte zu und stellt schlussendlich das schön angerichtete Tablar sanft auf dem Nachttisch ab. Liebevoll streicht sie ihr übers Haar.

Ihr Körper erwacht langsam aus der Schockstarre. Sie blinzelt, schüttelt sich ein wenig und holt tief Luft. Sie atmet aus. Und ein. Und aus. Und ein. Und wieder aus.
«Okay okay, ich lass dich wieder. Du machst aber nicht mehr lange heute, oder? Es ist schliesslich schon so spät.» Mit einem mitfühlenden, fürsorglichen Gesichtsausdruck verlässt ihre Mutter das Zimmer wieder und zieht die Tür leise hinter sich zu.

Kurz gesagt: Es ist eine ganz normale Nacht im Dorf.

ÜBER DAS WERK

Creator
Elea Bank
Titel
Eine Nacht im Dorf
Jahr
2021