Stille des Weltraums

By Annina Anderhalden, 2021

Das metallene Surren erfüllt die Luft rund um Rae, ansonsten ist das Raumschiff so still wie der Weltraum, der sich durch die grossen Fenster vor ihr eröffnet. Einzig und allein die Lichter der Anzeigetafel und der Schaltung erhellen das Cockpit, doch da Raes Augen für die Dunkelheit angepasst sind, stört es sie nicht.
Sie geniesst es eher, endlich nicht von grellen Lichtern umgeben zu sein. Auch wenn sie sich im Training daran gewöhnt hat, so vermisst sie immer noch die Dämmerstimmung ihres Planeten. Natürlich würde sie nie zugeben, dass sie Heimweh hat. Schliesslich wird sie schon als Nocturna als unnütz abgestempelt. Klein und mager, wie ihre Spezies ist, hat sie grosse Mühe, sich in Kämpfen als talentiert zu etablieren, sich als wertvolles Mitglied der Crew herauszustellen. Deshalb ist Rae besonders dankbar, dass sie wenigstens mit ihrer Sehfähigkeit in der Dunkelheit punkten kann.
Als einzige der Crew stört es sie nicht, länger wachzubleiben und den Autopiloten des Raumschiffs zu überwachen, während die anderen ihren biologischen Trieben nachgehen. Ein Vorteil der Nocturna ist, dass sie kaum Schlaf benötigen und durch eine kurze Trance genügend Energiereserven sammeln können, ohne dass sie zu viel Zeit bewusstlos verbringen müssen. So ist es an Rae, die Nachtschicht zu übernehmen.
Sie findet sie es toll, diese Verantwortung zu haben und endlich zu zeigen, dass auch sie ein wertvolles Mitglied ist. Gerade neu aufgenommen, legt sie grossen Wert darauf, sich vor allen zu beweisen. Sie hat die Blicke gesehen, die ihr zugeworfen worden sind, als sie hinter Marela, der Kapitänin, an Bord getreten ist. Missbilligend, kritisch und vor allem unsicher. «Zeta, nähernde Flugobjekte von Steuerbord.» Die blecherne Stimme des KI, welcher die Steuerung des Schiffes überprüft, reisst Rae aus den Gedanken.
«Nenn mich Rae», erwidert sie automatisch und richtet sich auf, um einen Blick auf die Anzeigetafel zu erhaschen. Tatsächlich sind einige Leuchtpunkte auf dem Bildschirm aufgetaucht, welche sich rasant dem Raumschiff nähern. «Oh, verdammt.» «Soll ich die Kapitänin wecken?»
«Nein, Z-B, ich schaffe das schon alleine.» Sie ist dankbar, dass die KI nicht die Unsicherheit aus ihrer Stimme heraushören kann. Von Marela ist ihr versichert worden, dass sie lediglich dazu dient, allfällige Bedrohungen zu erkennen, jedoch nicht als menschliche Unterstützung und Hilfe zu dienen. Um Speicherplatz zu sparen hat man bei der Programmierung von Z-B auf Emotionserkennungsprogramme verzichtet.
Geübt hat sie die Kontaktaufnahme schon häufig, doch seit dem Abschluss der Pilotenschule ist dies das erste Mal, dass sie es ausserhalb eines Trainings macht. «Hier spricht Schiff Buker. Geben Sie Ihren Namen und Ziel an.»
Die Antwort des anderen Schiffes lässt lange auf sich warten. Rae wischt ihre schweissnassen Hände an ihrem Overall an und flucht mit sich selbst, dass ihr die Annäherung nicht früher aufgefallen ist. Sonst ist sie immer aufmerksam, doch seit dem Gespräch mit Marela sind ihre Gedanken anderswo gewesen. Sie erlaubt sich kurz, an die blauhaarige Jevar zu denken, die mit ihrem Lächeln einen ganzen Raum zum Leuchten bringen kann.
Gerade als sie mit dem Gedanken spielt, noch einmal die Nachricht an das Flugobjekt zu schicken, knackt es im Funk.
«Buker, hier ist Strif, Kommando der Allwache. Wir bitten um Erlaubnis, an Bord zu docken.» Raes Herz setzt einen Schlag aus, pocht dann im doppelten Tempo weiter. Sie schluckt hart und gibt sich Mühe, ihre Stimme ruhig und sicher klingen zu lassen. «Aus welchem Grund?» Ein Lachen dringt aus dem Funkgerät, so laut, dass Rae ihre Kopfhörer ein wenig von den Ohren heben muss. «Es liegt ein Haftbefehl gegen ihre Kapitänin vor, Marela Gruyter.» «Oh.» Erneut schluckt Rae hart. Beinahe hat sie das Gefühl, einen triboltischen Frosch in ihrem Hals zu haben.
«Wir bitten, an Bord zu kommen. Dass es sonst Probleme mit der Allwache geben wird, muss ich Ihnen wohl nicht sagen.» Seine Stimme hat einen tiefen Ton angenommen, die unausgesprochene Drohung spürt Rae selbst durch den Hörer des Funkgeräts hindurch. Es läuft ihr kalt den Rücken herunter.
Einige Sekunden lang spielt sie mit dem Gedanken, dem Befehl Folge zu leisten. Denn das ist alles, was ihr in der Pilotenschule beigebracht worden ist. Die Allwache hat Übermacht, die Allwache sorgt für den Schutz der Bevölkerung, regelt das Zusammentreffen, das Leben und die Sicherheit. Fast hätte sie es geglaubt. Fast hätte die Pilotenschule ihre Meinung verändern können.
Wäre ihre Familie nicht vor wenigen Jahren bei einem Überraschungsangriff der Allwache umgebracht worden. Hätte ihr Marela nicht die dunklen Machenschaften der Geheimorganisation vor Augen geführt, sie in ihr Team von Flüchtigen und Verstossenen aufgenommen. Ihr eine Chance gegeben, sich nicht nur als Nocturna zu beweisen, sondern Rache an ihrer Familie zu üben.
Und plötzlich fällt Raes Entscheidung.

«Befehl abgelehnt.» Mit diesen Worten beendet sie das Funkgespräch und schnallt sich an. «Z-B, weck die Crew, wir stehen unter Angriff.»

Ehe sich die KI erkundigen kann, was für einen Angriff sie meint, tippt Rae einen kurzen Befehl in die Steuerung ihres Stuhls. Mit einer ungewohnten Schnelligkeit bringt er sie zur Steuerung für die Laserkanonen. Die Griffe, mit welchen sie die Schaltung anstellt, beherrscht Rae im Schlaf.
Ehe die Maschinen der Allwache für einen Angriff bereit ist, sind die Laserkanonen der Nocturna schon aufgeladen und abgefeuert.

ÜBER DAS WERK

Creator
Annina Anderhalden
Titel
Stille des Weltraums
Jahr
2021

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